Innovation durch Mitbestimmung

Blockheizkraftwerke sichern Arbeit

 

Im Keller des Volkswagen-Werks in Salzgitter springen Motoren an, brummen und surren und schalten sich nach 15 Minuten automatisch wieder ab. Nicht weiter erstaunlich, in einem Motorenwerk. Doch es geht nicht um Autos: zehn Prototypen eines Blockheizkraftwerks absolvieren hier ihre Testläufe und simulieren den Betrieb in einem Mehrfamilienhaus. Ende 2010 sollen sie in Serienproduktion gehen. Das erfolgreiche Ende einer mehr als zehnjährigen Überzeugungsarbeit des Betriebsrats und der IG Metall.

„Schon Mitte der Neunziger hatten wir uns in unseren Ingenieursarbeitskreisen darüber Gedanken gemacht, wo unsere Motoren noch eingebaut werden könnten“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Dirk Windmüller. Als dann Volkswagen neue Werke in Ungarn und Polen eröffnete, nahm der Druck zu, die Beschäftigung am Standort Salzgitter zu sichern. So entstand die Idee, Blockheizkraftwerke zu entwickeln, die mit einem Volkswagen-Motor betrieben werden und klimafreundlichen Strom produzieren.

Immer wieder hakte der Betriebsrat beim Unternehmen nach und brachte das Blockheizkraftwerk bei Standortsymposien in Erinnerung.

Erst durch den Zukunftstarifvertrag im Jahr 2006 kam das Projekt in Fahrt. Denn um den Standort Salzgitter abzusichern, erreichte die IG Metall in den Verhandlungen, dass eine Machbarkeitsstudie zur Produktion von Blockheizkraftwerken im Tarifvertrag festgeschrieben wurde. So konnte im Jahr 2008 das erste Blockheizkraftwerk gemeinsam mit dem damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eingeweiht werden.

Sein Prinzip ist ziemlich einfach. Ein 4-zylindriger Motor, der durch Erdgas betrieben wird und den Volkswagen sonst im Touran und Caddy verbaut, treibt einen Generator an. Der damit erzeugte Strom kann in das öffentliche Netz eingespeist werden und die Abwärme des Motors erhitzt Wasser zum Heizen und Duschen.

Ein weiterer Meilenstein wurde im September 2009 gelegt, als Volkswagen mit dem Hamburger Ökostromunternehmen LichtBlick einen Kooperationsvertrag zum Vertrieb der Blockheizkraftwerke unterzeichnete.

Das Echo in der Öffentlichkeit auf diese Kooperation war phänomenal, zumal LichtBlick plant, 100.000 „ZuhauseKraftwerke“ zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenzuschließen und mit seiner Leistung zwei Atomkraftwerke zu ersetzen. Und tatsächlich scheinen sich Hausbesitzer und kommunale Einrichtungen um die Blockheizkraftwerke mit Volkswagen-Motor zu reißen. Innerhalb eines Jahres gingen rund 35.000 Anfragen aus aller Welt ein.

Hansjörg Soiné hat die Entwicklung der Blockheizkraftwerke von Anfang an begleitet. „Wir schauen hier nicht nur über den Tellerrand und entwickeln ein klimafreundliches Energiesystem, sondern gleichzeitig sichern wir auch Beschäftigung an unserem Standort“, sagt der Ingenieur stolz. Denn durch die Produktion der Blockheizkraftwerke sollen 150 bis 200 Stellen im Volkswagen-Werk Salzgitter und weitere in Hannover, Kassel und Sarajewo gehalten werden. Und in Salzgitter wird die Montagelinie unter demographischen Aspekten gestaltet, so dass auch ältere Beschäftigte eingesetzt werden können. Ist das der Abschied von der Autoproduktion bei Volkswagen? Betriebsrat Windmüller lacht. „Volkswagen bleibt Volkswagen, indem wir weiter Motoren herstellen.“ Gerade das Motorenwerk in Salzgitter wird in Zukunft jedoch zunehmend unter Druck stehen, wenn sich Elektromotoren weiter durchsetzen. Das Blockheizkraftwerk ist dann ein weiteres Standbein.

Nicht nur das, auch politisch passt das Blockheizkraftwerk in die Arbeit des Betriebsrates, der seit langem aktiv gegen das nahe Atommüllendlager „Schacht Konrad“ kämpft und demnächst eine Kampagne starten will, die möglichst viele Menschen zum Wechsel zu einem Ökostromanbieter bewegen soll. „Wenn die Bundesregierung den Ausstieg aus dem Ausstieg plant, müssen wir dort ansetzen, wo es den großen Energiekonzernen weh tut: beim Entzug von Kunden“, sagt Windmüller. Das Engagement von Betriebsrat und IG Metall für die Produktion der Blockheizkraftwerke zahlt sich also aus: Ein weiteres Standbein wurde geschaffen, das Beschäftigung sichert und politisch ein Zeichen gegen Atomkraft setzt.

September 2010