Wie retten wir die Welt?

Ernährung: Die Revolution auf dem Teller

 

Ein bisschen ist besser als gar nichts: Fleischfreier Montag und Teilzeit-Vegetarismus heißen die Trends, denen zuletzt der Schriftsteller Jonathan Safran Foer mit seinem Bestseller "Tiere essen" neuen Schub gab. Darin rechnet er vor, dass für die Ernährung eines US-Bürgers rund 21.000 Tiere getötet werden. Und nicht nur ethische Gründe sprechen für mehr Gemüse auf dem Teller - die Reduktion von Klimagasen, der Schutz der Umwelt und die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sind mit unserem derzeitigen Fleischkonsum nicht vereinbar.

Es gibt viele Gründe, kein Fleisch zu essen, aber auch wer nur Lamm und Rind vom Speiseplan streicht, darf sich schon Klimaschützer nennen: Die beiden Fleischarten belegen die ersten Plätze der klimaschädlichsten Eiweißquellen auf der Rangliste der US-amerikanischen Environmental Working Group. Beide Fleischarten schneiden so schlecht ab, weil sie von Wiederkäuern stammen. Die produzieren in ihren Mägen Methan, das eine 25 Mal stärkere Treibhauswirkung besitzt als CO2, und rülpsen es in die Atmosphäre. Harter Käse, für den viel Milch verarbeitet wird, liegt daher in der Klimabilanz vor Schweinefleisch, Lachs aus Aquakultur und Pute, gefolgt von Hühnchen, Dosen-Thunfisch und Eiern. In der Spitzengruppe finden sich Milch, Joghurt und alle Gemüse: Wer Tofu statt Rindfleisch wählt, spart über 90 Prozent an Emissionen ein.
 


Landwirtschaft produziert Klimagase
Der Anteil der Landwirtschaft an den weltweit produzierten Klimagasen schwankt je nach Berechnung von 18 bis 51 Prozent. In den Studien spielen nicht nur der Boden und die Tiere eine Rolle, sondern auch Benzin für landwirtschaftliche Geräte, die Produktion von Düngern und Pflanzenschutzmitteln und die Umwandlung von Natur in Nutzflächen, weil dabei gebundenes CO2 freigesetzt wird. Eine geringere Fleischproduktion würde sich auf alle Aspekte positiv auswirken, weil riesige Flächen für den Futtermittelanbau wegfielen. Um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, braucht man zehn Kilogramm Futtermittel - und bis zu 15.000 Liter Wasser. Auch der Vernichtung des brasilianischen Regenwaldes für den Anbau von gentechnisch verändertem Soja wird durch Fleischverzicht die Geschäftsgrundlage entzogen. 4,2 Millionen Tonnen landen jährlich in den Trögen deutscher Masttiere, während gleichzeitig Millionen arme Brasilianer an Mangelerscheinungen leiden, die durch schlechte Ernährung verursacht werden. Würde man den Fleischkonsum reduzieren, würden weltweit die Preise für andere Lebensmittel fallen, da sich das Angebot ausweitet.
 
Fleischverzehr steigt
In den OECD-Ländern essen wir mit inzwischen 82 Kilogramm im Jahr 40 Prozent der weltweiten Fleischproduktion, stellen aber nur 20 Prozent der Bevölkerung. Dabei macht uns diese Ernährung dick und krank - und sie kostet: Zu viel tierisches Eiweiß und zu wenige Nährstoffe führen zu chronischen Leiden wie Krebs, Herzkrankheiten, Diabetes und Osteoporose. Auch aus diesem Grund fordern einige Experten bereits die Einführung einer Fleischsteuer. Trotzdem steht Fleisch immer noch als Symbol für ein gutes Leben - in Ländern mit steigenden Einkommen steigt auch der Konsum. In China etwa vervierfachte sich der durchschnittliche Verzehr im Zeitraum von 1980 bis 2005 auf 60 Kilogramm. Nach Projektionen des Ernährungsprogramms der Vereinten Nationen (FAO) müsste bei einem "weiter so" die Fleischproduktion bis 2050 um 85 Prozent steigen - und niemand weiß, wie das funktionieren soll: Schon heute ist die landwirtschaftliche Fläche weltweit aus- und übernutzt, eine Ausweitung würde sämtliche Naturschutzanstrengungen hinfällig machen. Auch beim Ertrag ist man in den entwickelten Ländern an der Grenze des Verträglichen angekommen. Monokulturen und Pestizide gefährden die Artenvielfalt und zunehmend auch die natürlichen Funktionen. Auch in Deutschland gilt dank großzügigen Düngereinsatzes in der Hälfte der Grundwassereinheiten die Einhaltung des Nitrat-Grenzwertes als unsicher.
 
Was sagt Christine Chemnitz, Heinrich-Böll-Stiftung?
"Die Industrieländer müssen mit verringertem Fleischkonsum zur Stabilisierung der Welternährung beitragen. Bereits ein Drittel weniger in den OECD-Ländern würde gut 30 Millionen Hektar Ackerfläche für die Nahrungsmittelproduktion frei machen - also praktisch die Fläche Deutschlands."

How to Feed the World's Growing Billions? Understanding FAO World Food Projections and their Implications, WWF und Heinrich-Böll-Stiftung, 2011 (pdf).
Die Heinrich-Böll-Stiftung ist die "grünennahe" politische Stiftung in Deutschland.
Chancen für Fleischersatz
Viele Menschen ziehen daraus ihre privaten Schlüsse. Im deutschen Biohandel stieg 2011 der Anteil an Fleischersatzprodukten wie Soja und Tofu, während er bei Fleischwaren zurückging. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft sieht bei seinen Kunden großes Potenzial für ethische Produkte - viele nannten als Motivation für ihren Einkauf die artgerechte Tierhaltung. In Deutschland bezeichnen sich heute etwa acht Prozent der Bevölkerung als Vegetarier, damit sind wir europaweit führend. Junge Leute und vor allem jungen Frauen stellen den größten Anteil der Fleischverweigerer. Als wichtigste Gründe nannten sie bei einer Befragung der Universität Jena Leid und Entrechtung der Tiere sowie schädliche Umwelteinflüsse und Ressourcenverschwendung für die Fleischproduktion.
 
Was sagt Erik Assadourian, Wordwatch Institute?
"Wenn man zwei Schäferhunde hält, verursachen die mehr Umweltschäden als ein Mensch in Bangladesch - nur durch das Fleisch, das sie essen."

Vorstellung von Erik Assadourians Arbeit am Wordwatch Institute
Das Worldwatch Institute mit Sitz in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington ist eine unabhängige interdisziplinäre Forschungseinrichtung, die sich mit Themen der Nachhaltigkeit beschäftigt.
Robert Goodland, ehemaliger Umweltberater der Weltbank, empfiehlt Nahrungsmittelherstellern, mit innovativen Fleisch- und Milchersatzprodukten auf den Zug aufzuspringen. Das habe auch positive Effekte für den Arbeitsmarkt, weil in der Fleischindustrie vielerorts prekäre Beschäftigungsverhältnisse herrschten und die pflanzlichen Produkte aufwendiger zu verarbeiten seien als Fleisch. Die Hersteller sollten ihre Produkte mit positivem Image versehen und zeigen, dass diese nicht Ersatz darstellten, sondern einen Gewinn für alle. Früher oder später wird uns sowieso das Geld für die Fleischberge ausgehen, prognostiziert Goodland: Ist der "Oil Peak" erreicht, wird Erdöl so teuer, dass wir es uns nicht mehr leisten können, Mais und Soja an Tiere zu verfüttern. Wir werden Benzin daraus machen.
 
Stand: 01/2012
 



Ich will essen, was ich will
Bloß keine bevormundenden Kampagnen und erst recht keine neue Steuer. Jeder muss selber entscheiden, was er essen will. Wenn Fleisch teurer wird, regelt sich die Nachfrage sowieso von selber.
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Essverhalten freiwillig ändern
Es sollte erst einmal stärker für einen maßvollen Fleischkonsum geworben werben. Die Auswirkungen auf die Umwelt und die Ressourcenverteilung ist vielen Leuten doch gar nicht klar, da scheint mir noch Potenzial für freiwillige Veränderung.
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Fleisch muss teurer werden
Ich finde Kampagnen überfällig und eine Fleischsteuer sinnvoll. Sie wäre vermutlich das effektivste Werkzeug und würde Vegetarier belohnen. Heute sind vegetarische Bratlinge doch kaum billiger als Fleisch.
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