Wie retten wir die Welt?

Green IT: Energiesparen ist nicht genug

 

Beim Stichwort Green IT assoziiert man heute glückliche Geschäftsführer mit niedrigen Stromrechnungen. Dabei verstörten am Anfang der Bewegung Fotos von Kindern auf afrikanischen Müllhalden, die Metallteile aus Elektroschrott sammelten. Diese Entwicklung kommt den Herstellern nicht ungelegen: Während Energiesparerfolge während des Betriebes von IT-Geräten gerne kommuniziert werden, herrscht bei den Themen Materialverbrauch, Schadstoffe, Recycling und Energieeinsatz während der Herstellung Funkstille.

Die Kategorien hießen "Energieeffiziente IT-Systeme", "Einsatz von IT-Systemen zur Optimierung von Prozessen" und "Visionäre Gesamtkonzepte" und gewonnen haben: Ein Webhosting-Anbieter mit seinem klimaoptimierten Rechenzentrum, eine Sparkasse mit intelligent gesteuerten Geldautomaten und der effizienteste Großcomputer Europas. Die Verleihung des deutschen "GreenIT Best Practice Award 2011" zeigte, dass sich die Suche nach energiesparenden IT-Lösungen lohnen kann. Die Investitionskosten für das Rechenzentrum sind in weniger als zwei Jahren eingespart, die Automaten der Bank verbrauchen bis zu 23 Prozent weniger Strom und der Supercomputer sogar nur ein Viertel der Energie vergleichbarer Rechner.
 
Emissionen wie der Flugverkehr
Bei Green IT geht es also heute vor allem ums Sparen, und das soll auch dem Klima helfen: Der Betrieb von Informations- und Kommunikationsgeräten wie PCs, Laptops und Monitoren benötigte 2007 in Deutschland gut zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs und produzierte damit etwa 23 Millionen Tonnen CO2. Dazu kommen noch sechs Millionen Tonnen jährlich aus dem Betrieb von Rechenzentren. Zusammen sind das etwa zwei Prozent der gesamten CO2-Emissionen - eine Menge, die dem Anteil des Flugverkehrs entspricht und durch effizientere Geräte um bis zur Hälfte reduziert werden könnte.
 


Bundesumweltministerium, Umweltbundesamt und der Branchenverband Bitkom unterstützen dabei durch Energiekennzeichnungen für Produkte, Förderprogramme für Betriebe und Vergabe von Forschungsaufträgen - konnten den insgesamt steigenden Energiebedarf aber nicht merklich kompensieren. Unklar ist auch noch, ob die Verlagerung von Daten aus den Betrieben auf virtuelle Netzwerke die erhofften Erfolge verspricht - nach einer Roadmap "Ressourceneffiziente Arbeitsplatz-Computerlösungen 2020" soll deren Anteil auf bis zu 85 Prozent der Daten gesteigert werden. Dieses "Cloud Computing" spart aber nur Strom, wenn Rechenzentren ihre Energiespartechnik auf dem neuesten Stand halten und Überkapazitäten durch flexible Nutzung abgebaut werden. Allerdings hat das Freiburger Öko-Institut festgestellt, dass ein großer Teil der Rechenzentren keine Auskunft über ihren Energieverbrauch geben kann. Auch die Beobachtung von Greenpeace, dass sich die Rechenzentren von Google, Facebook und Apple in den USA vorzugsweise in den Staaten des Mittleren Westens ansiedeln, in denen billiger Kohlestrom zur Verfügung steht, lassen Zweifel an dieser Hoffnung aufkommen. Zudem könnten die Betriebe in der Cloud vor allem nach billigeren Mitarbeitern suchen, befürchtet auch die IG Metall - da die Daten weltweit zur Verfügung stehen, wird der Zugriff für externe Fachleute erleichtert, was Stammbelegschaften um ihre Arbeitsplätze fürchten lässt.
 
Was sagt Thomas Leitert, CEO der TimeKontor AG und Initiator des GreenIT Best Practice Award?
"Wir stehen noch immer ganz am Anfang. Die bisherigen Anstrengungen reichen nicht einmal aus, um den steigenden Energieverbrauch zu kompensieren. Wir dürfen den Fokus nicht nur auf Energieeffizienz in der Informations- und Kommunikationstechnik legen, sondern müssen „Green durch IT“ vorantreiben."

GreenIT Best Practice AWARD
Der GreenIT Best Practice AWARD zeichnet vorbildliche Lösungen zur Energieeffizienz in der Informations- und Kommunikationstechnik aus.
Green durch IT
Die größten Einsparpotenziale liegen sowieso nicht im Betrieb von effizienten IT-Geräten, sondern in der effizienten Steuerung ganz anderer Branchen: Mit "Green durch IT" könnten in den Sektoren Mobilität, Gebäudemanagement, Stromnetze und Logistik in Deutschland CO2-Einsparungen in Höhe von 194 Millionen Tonnen pro Jahr erreicht werden - mehr als das achtfache dessen, was der Betrieb von Computern und Telekommunikationsgeräten heute insgesamt verursacht. Ein riesiges Potenzial für den deutschen Klimaschutz - aber in der Wirtschaft ist es seltsam still um das Thema geworden. Bei einer Studie der Deutsche Bank Research nannten 2010 fast die Hälfte der befragten Unternehmen den "geringen Stellenwert auf der gesellschaftlichen Agenda" als Grund für die stockende Umsetzen von Green IT-Projekten. Nur 26 Prozent der Unternehmen sahen sich zu Green IT gedrängt, die meisten davon wegen "Hitzeentwicklung im Serverraum".
 
Was sagt Cornelia Rogall-Grothe, IT-Beauftragte der Bundesregierung?
"Trotz stetig wachsender Aufgaben in der Bundesverwaltung haben wir es mit Hilfe der Green-IT Initiative geschafft, in den ersten beiden Jahren eine Energieeinsparung von über 20 Prozent zu erreichen."

BMI-Seite "IT und Netzpolitik"
Die Beauftragte ist Ansprechpartner für Länder und Wirtschaft bei der Zusammenarbeit mit der Bundesregierung in IT-Fragen.
Wie grün kann IT sein?
Was Green IT vielleicht das größte Problem bereitet: Ein gutes grünes Gewissen lässt sich selbst mit der effizientesten Technik nicht erreichen - und auch den Kunden nicht kommunizieren. Nicht umsonst werden im seit 2006 erscheinenden "Greenpeace Guide to Greener Elektronics" auch der Verzicht auf giftige Substanzen und Mineralien aus Krisengebieten, der Einsatz von Recycling-Kunststoffen, die Lebensdauer der Produkte und die fachgerechte Entsorgung zur Punktevergabe herangezogen. Obwohl die Umweltschützer einige Erfolge erzielt haben, ist noch kein Anbieter im oberen Bereich ihrer Skala angekommen - vor allem die geforderte Rücknahme der Geräte zum Recycling wird im viel zu geringen Maße praktiziert, obwohl die Mengen an Elektroschrott weltweit auf bis zu 50 Millionen Tonnen im Jahr angestiegen sind. Davon werden große Mengen weiterhin - häufig illegal als Gebrauchtgeräte deklariert - aus den Industrieländern in Entwicklungsländer exportiert, wo immer noch Kinder auf Müllkippen das Recycling übernehmen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP befürchtet, dass sich die Menge an Computerschrott in Südafrika und China von 2007 bis 2020 vervierfachen, die Menge der nach Indien gelieferten Alt-Mobilfunkgeräte sogar um das 18fache steigen könnte.
 


Politischer Druck wächst
Nicht die Hersteller, sondern die Politiker bestimmen heute das Tempo bei Green IT. Seit 2006 gilt in Europa die RoHS-Richtlinie, die den Verzicht auf bestimmte giftige Stoffe in elektronischen Geräten fordert, seit 2010 macht die EuP-Richtlinie Vorgaben für das Öko-Design energiebetriebener Produkte. Eine derzeit diskutierte Verschärfung der WEEE-Richtlinie für das Recycling und Entsorgen von Elektroschrott sieht vor, dass ab 2016 mindestens 85 Prozent des in der EU produzierten Mülls wieder eingesammelt werden, außerdem sollen mindestens 50 Prozent der Materialien wiederverwertet werden - ein ehrgeiziges Ziel, denn heute liegt die Rückgabequote europaweit bei 30 Prozent, in Deutschland werden mit 40 Prozent nur etwas bessere Werte erreicht. Kritiker wie Siddharth Prakash vom Öko-Institut bemängeln, dass die gesetzlichen Reglungen wirkliche Innovationen wie recyclinggerechte Konstruktion der Geräte und Standardisierungen von Komponenten außen vor lassen - hier verteidigen nicht nur die Hersteller eifersüchtig ihre eigenen Lösungen. Letzter Höhepunkt: Die Auseinandersetzung um einheitliche Ladegeräte für Mobiltelefone. Obwohl sich die EU 2010 auf ein Einheitsmodell mit Micro USB-Anschluss einigte, bringen viele Hersteller ihre Geräte weiter mit alternativen Anschlüssen auf den Markt. Zuletzt lehnte auch das UN-Standardisierungsgremium ITU das genormte EU-Netzteil ab - weil die Europäer es ohne Abstimmung mit ihm entwickelt haben.
 
Was sagt Siddharth Prakash, Öko-Institut Freiburg?
"So lange es an aussagekräftigen Daten und Transparenz über die Prozesse in den globalen Zulieferketten mangelt, können keine Entscheidungen getroffen werden. Öko-Schönfärberei ist nur durch gesetzliche Mindeststandards zu unterbinden."

Öko-Institut
Das Öko-Institut ist eine unabhängige Forschungs- und Beratungseinrichtungen für die nachhaltige Zukunft.
Stand: 01/2012
 



"Green durch IT" fördern
Durch Green IT wird niemals so viel eingespart wie durch „Green durch IT“: Also sollten wir uns vor allem da engagieren, wo die größten Potenziale vorhanden sind: In der industriellen Steuerung, im Gebäudemanagement, mit neuen Kommunikations-Lösungen etc.
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Hersteller zu mehr Transparenz verpflichten
Solange die umweltverträgliche Herstellung der Geräte und ein sachgerechtes Recycling für den Kunden nicht nachzuvollziehen sind, ist Green IT ein irreführender Mode-Begriff. Die Anbieter müssen erst einmal für Transparenz sorgen, notfalls muss die Politik das erzwingen.
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Auf Verhaltensänderungen achten
Jeder einzelne sollte dem Thema wieder neuen Schub geben, auch im Kleinen - beim Kauf auf Stromverbrauch achten, automatischen Leerlauf aktivieren, Geräte nicht auf Stand-By-sondern ganz abschalten - und vor allem möglichst lange nutzen, bevor ein neues gekauft wird.
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