Engineering- und IT-Tagung

Herausforderungen der Zukunft meistern

 

Unter dem Titel „Zukunft der Arbeit“ fand am 26. und 27. September die vierte Engineering- und IT-Tagung der Hans Böckler Stiftung in Kooperation mit der IG Metall statt. Dieses Jahr stellte die Volkswagen AG die Räumlichkeiten ihrer AutoUni in Wolfsburg zur Verfügung. 300 Betriebsräte, Vertrauensleute und Mitarbeiter aus über 70 Betrieben diskutierten, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird und auf welche Herausforderungen sich die Gewerkschaft einstellen muss.

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„Die Zukunft der Arbeit entscheidet über die Lebensqualität in einer Gesellschaft“, hob Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall in ihrer Begrüßungsrede hervor. Sie betonte die Verzahnung von sozialen, ökologischen und ökonomischen Faktoren für die unter dem IG Metall-Schlagwort „Gute Arbeit“ zusammengefasste Vision. Gute Arbeitsbedingungen, starke Gewerkschaften und umweltfreundliche Produktion und Produkte seien eng mit Wettbewerbsfähigkeit durch Innovationen und damit der Sicherung von Arbeitsplätzen verbunden – und alle Faktoren würden sich auf die Zufriedenheit der Beschäftigten auswirken.
 
Am Abend zuvor bekamen die Teilnehmer/innen durch den Dokumentarfilm „Work Hard Play Hard“ einen Eindruck davon, wie sich Unternehmen die Zukunft der Arbeit vorstellen: Regisseurin Carmen Losmann zeigt beklemmende Szenen aus den Führungszentralen von Firmen wie Unilever, Kienbaum und der DHL. Ob im Bewerbungsgespräch, bei Teamsitzungen oder der Kommunikation des nächsten Konzernprogramms – manipulative Business-Sprache mit Wortgebilden wie „non-territoriale Office-Spaces“, „multimobile Knowledge-Worker“ und „Induktion von Leidensdruck“ als Maßnahme für unwillige Mitarbeiter sorgten für eine rege Diskussion über die „sakrale Erhöhung der Arbeit, für die man ein Bekenntnis ablegen muss“, wie es ein Teilnehmer formulierte. Weitere Themen, die im Film angeschnitten wurden, waren der Zwang zur ständigen Selbstoptimierung und der Konkurrenzdruck unter den Beschäftigten, die sich in steigenden Burn-Out-Raten zeigende Überlastung und die Entwicklung von Führung zur bloßen Moderation. Sie wurden in den Vorträgen und Foren der nächsten zwei Tage ausführlicher behandelt.
 
    Schöne neue Crowdsourcing-Welt?
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    Etwa in dem Vortrag „Schöne neue Crowdsourcing-Welt?“ von Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Kassel. Er definierte erst Begriffe wie Crowdfunding, also das Sammeln von Geldern für Projekte durch Aufrufe im Internet, Crowd-Voting, bei dem über Produkte oder Designs abgestimmt wird, und Crowd-Creation, bei der Unternehmen Arbeitsaufgaben anbieten, für deren Erledigung sich jeder Interessierte bewerben kann. Zwar lösten missglückte Beispiele wie die absurden Favoriten eines Gestaltungswettbewerbs für das Spülmittel Pril Heiterkeit im Publikum aus. Die mit Crowdsourcing verbundene Auflösung der klassischen Grenzen eines Unternehmens wurden aber als Angriff auf die sozialer Sicherheit gedeutet – vor allem, wenn global um die Erledigung bestimmter Arbeiten geboten werden kann. Laut Leimeister ist der Ersatz von Arbeitsplätzen durch die Crowd noch nicht nachweisbar – könnte aber zukünftig ein Problem werden. Leimeister zählte auch Vorteile der Entwicklung auf, die die Gewerkschaften nutzen könnten: Finanzierungsmöglichkeiten ohne Finanzinstitute, demokratische Abstimmungsprozesse, Selbstbestimmung bei der Wahl der Tätigkeiten. „Die Gewerkschaften können mit ihren hergebrachten Instrumenten die veränderte Arbeitslandschaft nicht mehr steuern – warum nutzt die IG Metall nicht mit Crowd-Verfahren die kollektive Intelligenz ihrer Mitglieder, um Ideen zu finden, wie man diese Entwicklung konstruktiv mitgestalten kann?“ Vereinbarungen und Regularien, mit denen mehr Sicherheit und Teilhabe erreicht werden, seien auch in der digitalen Welt möglich und zudem auf vielen Crowd-Plattformen schon formuliert – und zwar von denen, die ihre Arbeitskraft anböten.
     
      Wachsen oder schrumpfen?
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      In den Diskussionen des zweiten Tages zum Thema „Cradle to Cradle“ und Umweltschutz sorgten vor allem die Podiumsmitglieder Michael Braungart und Michael Müller für Kontroversen. Braungart ist Leiter der EPEA Umweltforschung und berät Betriebe zu seiner Strategie der geschlossenen Kreisläufe. In der sind dank nachhaltiger Energie, Verzicht auf Giftstoffe und dem nicht-degradierenden Recycling aller technischen Wertstoffe dem Wachstum keine Grenzen gesetzt. Müller - Sachverständiger der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ – plädierte für ein Überdenken unseres konsumorientierten Wirtschaftssystems und für nötige Schrumpfungsprozesse. Dabei zeigten die in Foren vorgestellten Beispiele von Firmen, die der „Cradle to Cradle“-Strategie folgen, dass Effizienz mindestens mittelfristig auch bei ihnen ein wichtiges Element ist - nämlich bis zur tatsächlichen Verfügbarkeit von ausreichend erneuerbarer Energie und dem Schließen der Recycling-Kreisläufe. Was die Wortmeldungen der Zuhörer vor allem deutlich machten: Genug Zeit für das Überdenken der einen oder anderen Position ist in den meisten Betrieben nicht vorhanden. Weiterhin ist die Anforderung an Entwickler, vor allem schnelle und billige Lösungen zu finden, weswegen viele Produkte und Prozesse nicht ausreichend durchdacht sind.
       
        Bei der Umsetzung der Kooperation zwischen EPEA und IG Metall bleibt Vorstandsmitglied Christiane Benner deshalb realistisch: „Wir können zuerst nur Leuchtturmprojekte in Betrieben umsetzen, in denen die Betriebsräte gut verankert sind, die Geschäftsführung mitzieht oder besondere Umweltprobleme nach Lösungen verlangen.“ Es müsse jetzt endlich ein Anfang mit dem ökologischen Umbau gemacht werden, bevor die nächste Krise das Thema wieder von der Tagesordnung verschwinden ließe.
         
           


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          Stand: 04.10.2012