Wie retten wir die Welt?

Mitbestimmen: Betriebsräte fördern Innovationen

 

Energiesparende Produkte, Giftverzicht in der Produktion, effiziente Logistik - wenn solche Maßnahmen für ein nachhaltiges Wirtschaften im Betrieb nicht umgesetzt werden, kann die Belegschaft Druck machen. Das Ausschöpfen der betrieblichen Mitbestimmungsrechte bietet interessante Handlungsfelder für Betriebsräte - und neue Chancen für Beschäftigung und Innovation.

Mitarbeiter können ihre Innovationsvorschläge an eine Mailadresse schicken - und meistens hören sie nie wieder etwas von ihnen. So sieht Innovationsmanagement in vielen Betrieben aus, und lässt Mitarbeiter mit guten Ideen frustriert zurück. Dabei steckt in den Belegschaften riesiges Potenzial zur Verbesserung, wie auch die IG Metall seit 2004 mit ihrer "besser statt billiger"-Kampagne beweist: Statt sich auf immer neue Rückzugsgefechte um Einsparungen einzulassen, entwickeln Betriebsräte innovative Lösungen für angeschlagene Unternehmen - etwa indem Kostentreiber in der Produktion eliminiert werden. Dabei helfen in vielen Fällen externe Berater, aber vor allem werden die Vorschläge der Belegschaften eingeholt. Wie beim Automobilzulieferer Kostal in Lüdenscheid: Dessen Beschäftigte trugen innerhalb von vier Wochen 1.200 Verbesserungsideen zusammen - und sorgten für Einsparungen von 75 Millionen Euro. In insgesamt 200 Betrieben wurden inzwischen solche Konzepte der IG Metall realisiert, 400 Millionen Euro investiert und mehrere 10.000 Arbeitsplätze gesichert.
 


Chancen für Betriebsräte
Das Fachwissen der Mitarbeiter könnte in den Betrieben genauso gut innovative Ideen zu Resourceneffizienz oder umweltfreundlicheren Produkten generieren - und deren Umsetzung über die Mitbestimmungsrechte gelten gemacht werden. Seit der Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes 2001 sind die Rechte des Betriebsrates beim betrieblichen Umweltschutz gestärkt, Betriebsräte können dazu Foren und Arbeitsgruppen gründen. Über den Wirtschaftsausschuss besteht die Möglichkeit, nachhaltige Strategien einzufordern. Außerdem erlaubt Paragraf 92a, dass Betriebsräte Vorschläge zu neuen Formen der Arbeitsorganisation machen, Alternativen zu Ausgliederungen vorschlagen und Produktions- und Investitionsprogramme bewerten. Der Arbeitgeber muss die Vorschläge mit dem Betriebsrat besprechen - und begründen, wenn er ablehnen will. Da Nachhaltigkeit Geld einsparen und Absatzchancen sichern kann, fallen auch Vorschläge zur ökologischen Umgestaltung unter die Prämisse, dass diese Eingaben die Beschäftigung fördern und sichern sollen, wie es das Gesetz verlangt.
 
Was sagt Birger P. Priddat, Universität Witten/Herdecke?
"Die deutsche Wirtschaft lebt von Qualitätsprodukten. Und Qualitätsarbeit, die diese Produkte herstellt, bekommt man nicht von unzufriedenen und missachteten Arbeitnehmern. Darum ist Mitbestimmung ein wesentlicher Faktor für das Wirtschaftswachstum und nicht dagegen."

Vorstellung des Buches
Priddat ist Professor für Politische Ökonomie und Autor des Buches "Leistungsfähigkeit der Sozialpartnerschaft in der Sozialen Marktwirtschaft".
Über 70 Prozent der Betriebsräte gaben in Befragungen der Hans-Böckler-Stiftung an, den Paragrafen schon genutzt zu haben, um Innovationen vorzuschlagen. Zukünftig könnte das noch öfter passieren. Denn die Task-Force "Krisenintervention" der IG Metall will das "besser statt billiger"-Konzept auch auf Unternehmen ausweiten, die nicht in einer akuten Krise stecken - und zum Beispiel ökologisch sinnvolle Prozesse vorantreiben. Dass auch das Anvisieren neuer Absatzchancen auf grünen Märkten Zukunft sichern kann, zeigen inzwischen viele Beispiele: So wollen die neuen Besitzer der Nordseewerke in Emden mit der Produktion von Windkrafttürmen die Umsätze einfahren, die der Schiffbau nicht mehr hergibt. Beim Automobilriesen VW in Salzgitter erstritt der Betriebsrat ein gemeinsames Projekt mit dem Ökostromanbieter Lichtblick, in dem Mini-Blockheizkraftwerke für die Keller der Republik gefertigt werden. Und der Betriebsrat der Salzgitter Service und Technik - Sprecher des betriebsrätlichen Innovationsausschusses - stieß auf der Suche nach neuen Technologien ein Projekt zur Herstellung von Kohle aus Biomasse an, das Fördergelder von dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung erhält. Wissenschaftler von fünf niedersächsischen Hochschulen sind beteiligt und zehn Partner aus der Wirtschaft. Bis Oktober 2014 soll es in Niedersachsen eine Pilotanlage geben.
 
Wie entstehen Innovationen?
Dass Gewerkschaften Vorschläge für derart weitreichende Neuerungen machen, erstaunt vielleicht - passt aber zu den Erkenntnissen der Wissenschaft: Innovation wird heute als sozialer Prozess angesehen. Der lebt natürlich von der Beteilung der Menschen. Und Gewerkschaften verfügen in vielen Betrieben über die besten Strukturen, in denen so eine Beteiligung möglich ist. Die Chancen auf erfolgsversprechende Lösungen sind außerdem beträchtlich: Obwohl sich fast alle deutschen Unternehmen "Innovation" auf ihre Fahne - oder in ihre Unternehmenswerte - geschrieben haben, bleiben die Potenziale ihrer Mitarbeiter vielerorts ungenutzt. So jedenfalls lautet das Fazit des von der RWTH Aachen und der ISF München koordinierten Projekts "Smarte Innovationen", an dem auch die IG Metall beteiligt war. In dem Projekt wurde erforscht, wie Verbesserungsideen im Maschinen- und Anlagenbau entlang des gesamten Produktionszyklus gesammelt und rückgemeldet werden können - anstatt sich lediglich auf zündende Ideen der Entwicklungsabteilung zu verlassen.
 


Denn gerade in den nachfolgenden Schritten - Applikation, Produktion, Vertrieb und Service - lassen sich wertvolle Hinweise für Verbesserungen gewinnen. Schließlich beschränken sich Innovationen nicht nur auf Produkte, sondern können auch Prozesse, Organisation und Dienstleistungen verbessern. Vor allem die Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten biete großes Innovationspotenzial, fanden die Forscher heraus - ein Argument, das sich gegen die Ausgliederung entsprechender Geschäftsbereiche in Stellung bringen lässt, weil dadurch Rückmeldungen über Innovationsmöglichkeiten erschwert werden. Überhaupt können unter dem Stichwort Innovation typische Konflikte zwischen Belegschaften und Geschäftsführung neu diskutiert werden, denn viele der von Mitarbeitern und Gewerkschaften beklagten Probleme wurden als Hemmnisse für Innovation identifiziert: Hohe Fluktuation, Leiharbeit und befristete Arbeitsverhältnisse, mangelnde Weiterbildung, starre Hierarchien, Zeitmangel und wenig Vernetzung und Austausch unter den Mitarbeitern gehören dazu.
 
Was sagt Astrid Diebitsch, Betriebsratsvorsitzende ?
"Menschen mit fachlichen Kenntnissen müssen mehr Einfluss auf Entscheidungen bekommen. Heute wird die Verantwortung immer mehr nach oben delegiert. Das führt zu viel Frustration und Ärger bei denen, die Innovationsprozesse vorantreiben wollen."

Kurswechsel: Nachgefragt bei Betriebsrätinnen und Betriebsräten
Diebitsch ist Betriebsratsvorsitzende bei Nokia Siemens Networks in Berlin.
Eine von der Universität Duisburg-Essen verfasste Analyse der "besser statt billiger"-Kampagne stellt fest, dass die Betriebsräte der IG Metall bisher vor allem organisatorische Verbesserungen, aber kaum technische oder Dienstleistungsinnovationen vorangebracht haben. Dazu fehle den Betriebsräten der nötige Input von hochqualifizierten Fachkräften, zu denen noch zu wenige Kontakte bestehen, vermuten die Forscher. Eine Chance für beide Gruppen, aufeinander zuzugehen und gemeinsam an einer "grüner statt billiger"-Strategie zu arbeiten. Vor allem können Betriebsräte im Betrieb Arbeitsverhältnisse und Prozesse einführen, die Innovationen ermöglichen. Es reiche nicht, Mitarbeiter auf ihre Verantwortung zur stetigen Verbesserung aufmerksam zu machen, resümieren die "Smarte-Innovationen"-Forscher. Eine offene Unternehmenskultur, in dem neue Ideen willkommen sind und genutzt werden, muss natürlich vom Betriebsrat, aber auch von Ausbildern, Vorgesetzten und der Geschäftsleitung vorgelebt werden. Neben der Wertschätzung von Qualifikation und Können, sagen die Forscher, sind gerechte Arbeitsgestaltung und Entlohnung immer noch die wichtigsten Vorrausetzungen für zündende Ideen.
 
Stand: 01/2012
 
Stand: 01/2012
 



Mitbestimmungsrechte stärker nutzen
Die Strategie, über die Betriebsräte mit Vorschlägen zu neuen Prozessen oder Produkten der Geschäftsführung entgegen zu treten, sollte viel stärker genutzt werden. Damit kann man Dinge positiv vorantreiben - und es würde viele Kollegen ansprechen, die sonst mit Gewerkschaften nichts zu tun haben.
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Betriebsräte sollen sich auf Arbeitsbedingungen konzentrieren
Die Betriebsräte sollten sich vor allem auf alle Fragen der Arbeitsbedingungen konzentrieren - davon verstehen sie am meisten, und hier gibt es jede Menge zu tun. Ob Vorschläge zu Innovationen in entsprechenden Prozessen gewonnen und ausgewertet werden, hat ja auch mit der Organisation der Arbeit zu tun.
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Keine unbezahlten Dienstleistungen für die Untenehmer anbieten
Heutzutage ist die Arbeitsbelastung so stark, dass keine Zeit für innovative Ideen bleibt - wenn dann die Mitarbeiter kostenlos Prozesse überprüfen und nachhaltige Unternehmensstrategien entwickeln sollen, ist das ja noch mehr Arbeit. Nach Feierabend möchte ich mich daran nicht beteiligen.
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