Engineering-und IT-Tagung 2013

Zusammenarbeit: Gewerkschaftliche Antwort auf Erpressungsversuche

 

Zusammenarbeit hat viele Facetten – das zeigten die Beiträge und Diskussionen auf der 5. Engineering- und IT-Tagung der IG Metall vom 24. bis 26. September in Berlin. Dieses Jahr zu Gast bei Siemens, tauschten sich fast 300 Ingenieurinnen und Ingenieure, IT-Experten, Betriebsräte und IG Metall-Beschäftigte zu Aspekten von der Gestaltung der Arbeitsplätze und mobiler Arbeit über gesundheitsfördernde Arbeitsstrukturen bis hin zur internationalen Zusammenarbeit aus.

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Mit besserer Zusammenarbeit – in den Betrieben selbst, aber auch mit Dienstleistern und über Ländergrenzen hinweg – will die IG Metall den Herausforderungen der globalisierten Arbeitswelt entgegentreten. "Wir müssen Einfluss nehmen auf die externe Vergabe von Entwicklungsaufgaben und die Konditionen von Werkverträgen", forderte Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, in ihrer Eröffnungsrede. Denn trotz Erfolgen in der Bindung von Betrieben an Tarifverträge und der Gewinnung von fast 11.000 Ingenieuren und 19.000 Studierenden als neue Mitglieder seit Beginn der ersten Engineering-Projekte im Jahr 2008 versuchten die Unternehmen weiterhin im großen Stil, Tarifverträge zu umgehen.
 
    Immer noch rechneten Arbeitgeber vor, dass die Gehälter in Indien und China niedriger seien. Auch die Informationstechnik treibe die weltweite Verteilung der Wissensarbeit voran. "Entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens sind aber nicht möglichst niedrige Entgelte, sondern Innovationsfähigkeit und Qualität seiner Produkte und Dienstleistungen", betonte Benner. Höheres Tempo und der Zugriff auf eine potenziell unendliche Anzahl von Arbeitskräften erfordere ein demokratisches, soziales und ökologisches Leitbild für die Digitalisierung von Produktion und Dienstleistung. Nur so könne man der "Wirtschafts-Triade USA, Europa und China" eine gewerkschaftliche Antwort entgegensetzen.
     
    Mehr Flexibilität nur gegen Sicherheit
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    Berthold Huber, erster Vorsitzender der IG Metall, erinnerte in seiner Rede an die Erfolge der Kooperation zwischen Belegschaften, Gewerkschaften und Geschäftsführungen in den Krisenjahren nach 2008. Statt nach dem Motto "jeder ist sich selbst der Nächste" zu handeln, habe Zusammenarbeit dazu geführt, dass die deutsche Wirtschaft relativ unbeschadet aus der Auftragsflaute herausgekommen ist. Im Ausland werde das "German Jobwunder" bestaunt, während hierzulande ein Rückfall in alte Reaktionsmuster wie der Fokus auf kurzfristige Renditeziele zu beobachten sei. "Wirtschaftsunternehmen müssen Geld verdienen, aber nicht um jeden Preis. Sie dürfen nicht ihr eigentliches Potenzial aus den Augen verlieren - die Beschäftigten mit ihrem Wissen, ihrem Können, ihrer Kreativität." Wenn Unternehmen immer mehr Flexibilität von ihren Mitarbeitern verlangten, müssten sie im Gegenzug auch Sicherheit anbieten. Interne Flexibilisierungen würden blockiert, wenn Arbeitgeber zeitgleich Werkverträge und Leiharbeit ohne tariflichen Rahmen weiter ausbauen. Als wichtigste Aufgabe der IG Metall sieht Huber die bessere internationale Kooperation der Belegschaften und den Aufbau von Netzwerken: "Über die Grenzen gemeinsam handeln – das ist das wirksamste Mittel, sich gegen globale Erpressungsversuche der Konzerne zu wehren. Das ist konkrete internationale Solidarität!"
     
    Krank durch Arbeit
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    Auch Bernhard Badura, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld, beklagte den Fokus auf Effizienz und Rendite und dessen gesundheitliche Auswirkungen auf Beschäftigte. Obwohl gesunde Mitarbeiter einen wichtigen Erfolgsfaktor in der globalisierten Wirtschaft darstellen, setzten Führungskräfte weiterhin nur auf Technik, Prozesse, Regeln und fachliche Qualifikation. "Weiche" Erfolgsfaktoren wie ein vertrauensvolles Miteinander, Führungsqualität, gemeinsame Ziele und Werte und soziale Kompetenzen würden vernachlässigt, obwohl sie Arbeitgebern, Arbeitnehmern und dem Staat die meisten Vorteile einbrächten. Badura kritisiert, dass Unternehmen sich bei der Beurteilung der Gesundheit ihrer Mitarbeiter vor allem auf Fehlzeiten stützen. Diese sagten zwar viel über den Gesundheitszustand eines Unternehmens aus – aber wenig über den der Mitarbeiter, da diese sowohl krank zur Arbeit gingen als auch gesund zu hause blieben. Dabei zeigten Untersuchungen, dass eingeschränkt arbeitsfähige, aber im Betrieb erscheinende Mitarbeiter die höchsten Kosten verursachten. So seien bei Unilever Deutschland, deren Mitarbeiter niedrigere Vitalitätswerte aufweisen als der deutsche Bundesdurchschnitt, die Kosten für eingeschränkt arbeitsfähigen anwesenden Mitarbeiter dreimal so hoch wie die für abwesende Erkrankte.
     
      Bei der anschließenden Diskussion wurde klar, dass den meisten Betrieben zum Thema Gesundheit zwar Yoga-Kurse, aber nicht bessere Führungskultur einfallen. Arbeitgeber weigern sich sogar, Ergebnisse von Mitarbeiterbefragungen zum Thema Gesundheit zu veröffentlichen. Anwesende Führungskräfte berichteten von Schwierigkeiten, vor dem Hintergrund der Margenerwartungen ihrer Geschäftsführung dem eigenen Anspruch an gesundheitsfördernde Arbeitsstrukturen und ein gutes Betriebsklima zu entsprechen. Viele seien selbst gesundheitlich angeschlagen und dauerüberlastet. Die Gewerkschaften sollten das Thema Führung und Gesundheit stärker besetzen, rät Badura, und entsprechende Kennzahlen einfordern. Schließlich seien die steigenden Kosten ein Argument, dem sich Unternehmensführungen nicht verschließen könnten.
       
      Internationalen Druck aufbauen
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      Weltweit bessere Standards wären ein Schlüssel zur Sicherung der Guten Arbeit – darin waren sich die Teilnehmer des Abschlusspodiums einig. Hier zeigen sich in China Fortschritte, wie Gaochao He von der Sun Yat-Sen Universität in Guangzhou berichtete. Die Zeiten der billigen Arbeit gingen auch in China ihrem Ende zu, denn qualifizierte Arbeitskräfte seien rar geworden. Leiharbeit werde sehr kritisch diskutiert. Das höhere Selbstbewusstsein der chinesischen Arbeitnehmer mache sich in steigender Gewerkschaftsbindung, erfolgreichen Arbeitskämpfen und Streiks bemerkbar. Derzeit sind Streiks zwar nicht verboten, aber auch nicht rechtlich geschützt – derzeit das größte Thema der chinesischen Gewerkschaften.
       
        Die Möglichkeiten zum Arbeitskampf und die gesetzlich geregelte Mitbestimmung nach deutschem Vorbild sollten im Ausland stärker beworben werden, fand auch Birgit Steinborn vom Gesamtbetriebsrat von Siemens. "Damit leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe." Solidarität sei schwer zu üben, wenn es um die Verlagerung von Wissen und Aufträgen ins Ausland ginge. Christiane Benner sah jedoch auch Handlungsbedarf in Deutschland, denn "wäre die IG Metall in Forschung und Entwicklung ähnlich gut organisiert gewesen wie in der Produktion, hätten wir mehr über die Verlagerung von Wissen ins Ausland mitbekommen und uns besser dagegen stemmen können". Besonders digitale Arbeiten sind von Verlagerungen betroffen, so Astrid Granzow vom Gesamtbetriebsrat Atos Information Technology. Gerade unter IT-Berufen sei der Organisierungsgrad niedrig. Ausländische Konzernmütter hätten zudem ein schlechtes Verhältnis zur deutschen Mitbestimmung, und seien sehr konfrontativ auftretende Gewerkschaften gewohnt. Französische Führungskultur etwa sehe so aus: "Der Manager hat immer Recht!"
         
          Auch in den USA sehen die Unternehmer ihre Mitarbeiter als Roboter, berichtete Six Silberman von der Universität von California, Irvine. Er entwickelte ein Computer-Programm, mit dem Auftragnehmer des Internet-Freiberufler-Marktplatzes Mechanical Turk von Amazon die Bezahlmoral ihrer Auftraggeber bewerten können. Die Kunden der Crowd-Sourcing-Plattform dürfen nämlich Zahlungen aus fadenscheinigen Gründen zurückhalten – für einige ein häufig wiederholtes Mittel zur Kostenersparnis. Nun laufen in den USA auch Klagen gegen den Konzern. "Das Silicon Valley sollte nicht als Zukunftsmodel angesehen werden", fand Silberman. "Es gibt zwar immer neue Innovationen, aber das meiste ist doch Schrott, der die Leute nur abhängig macht. Weil etwas neu ist, ist es doch nicht automatisch gut!"
           
             


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            Stand: 29.07.2014